banner.jpg
  • Apothekerin Ulla Burkhardt-Weber
  • Hauptstr. 80
  • 69469 Weinheim
  • Telefon: (06201) 66575
  • Fax: (06201) 185364
Anmelden | Registrieren
Drucken

Warum ist es so schwer, Trost zu finden, Uta Ranke-Heinemann?

Die Tochter von Bundespräsident Gustav Heinemann kandidierte einst selbst für das Präsidialamt. Im Interview erklärt sie, warum es Gottesbeweise überall gibt, und warum sie nur ungern ihr Haus verlässt


Uta Ranke-Heinemann trat bei der Bundespräsidentenwahl 1999 als Gegenkandidatin von Johannes Rau an

Stimmt es, dass Sie zwölf Sprachen beherrschen?

Was blieb mir übrig? Die ersten zehn Jahre nach meiner Emeritierung an der Universität Essen habe ich überhaupt nur die Übersetzungen meiner Bücher korrigiert. Dafür musste ich doch die Sprachen beherrschen. Meine zwölfte Sprache war übrigens Polnisch. Drei Jahre habe ich dafür gebraucht.

Wie eignen Sie sich eine Sprache an?

Ganz klassisch mit einem Basissprachkurs mit Buch und CD. Dann habe ich immer und überall fremdsprachige Sender laufen. Ich lese auch nur Ausländisches, abgesehen von der Tageszeitung. Und ich habe Freunde und Bekannte aus vielen Ländern, mit denen ich mich in ihrer Landessprache unterhalte.


Mit Ihrem Namen anscheinend untrennbar verbunden ist der Zusatz „die streitbare Theologin“…

Ach, das kann ich nicht mehr hören.

Warum? Das ist doch nicht ehrenrührig.

Nein, aber es klingt, als ob ich immer nur Streit suche. Dabei bin ich ein friedliches, harmoniebedürftiges Wesen. Ich kann nur keine Märchen ertragen, mich nicht damit abfinden, dass Jesus über das Wasser gelaufen sein und mit ein paar Fischen 3000 Leute gesättigt haben soll. Gott, der Urheber des Universums, hat allen Menschen Verstand gegeben. Den darf man nicht vergewaltigen. Ich suche nicht den Streit, sondern die Wahrheit.

Ist das nicht nahezu aussichtslos? Es heißt doch „Glauben“ und nicht „Wissen“. Niemand kann Gott sehen ...

... aber wir können ihn an seinen Werken erkennen. Mein Enkel ist mein Gottesbeweis Nummer eins. Ein Kind ist von Anfang an so vollkommen, es ist alles dran, was zu einem Menschen gehört: die kleinen Zehen, die winzigen Fingernägel … Und wenn ich mir die Gottesbeweise in meinem Wintergarten beschaue, da ist eine solche Vollkommenheit in jedem Blättchen. Ich habe mal Geranien von Nach­barinnen bekommen – die sind schon 30 Jahre tot, die Geranien leben immer noch! Keine Ahnung wovon, ich bin eine lausige Gärtnerin. Die kommen einfach immer wieder. Es gibt Gottesbeweise überall.

Bei jeder Nachrichtensendung fragt man sich doch: Kümmert sich Gott nicht mehr um die Welt?

O doch, und wie! Jede Sekunde wird die Welt in Gang gehalten. Eine Erklärung für das Leid kann ich Ihnen auch nicht bieten. Vielleicht einen Ansatz. Der Philosoph Immanuel Kant schrieb: „Wenn wir die Majestät Gottes ständig vor Augen hätten, ... würden wir zu Marionetten erstarren. Unser Handeln bekäme den Anstrich von Zwang und abgenötigter Unterwerfung ...“ Wenn wir ständig am Himmel Gott mit dem erhobenen Zeigefinger sähen – das wäre doch im wahrsten Sinne des Wortes furchtbar.



Uta Ranke-Heinemann zusammen mit ihrem Vater Gustav Heinemann

Sie waren in der Friedensbewegung aktiv. Ist es nicht frustrierend, zurückzublicken und festzustellen: Die Welt ist noch genauso außer Rand und Band?

Es ist frustrierend – und wie!

Bedauern Sie manchmal, nicht in die Politik gegangen zu sein?

Nein, nie.

Immerhin kandidierten Sie 1999 für das Amt der Bundespräsidentin …

Die PDS wollte mich nominieren, und ich dachte: Warum nicht? Zu meinem Mann sagte ich noch: „Ist das nicht komisch, dass sie mich einstimmig nominieren, obwohl sie mich doch gar nicht kennen?“ Er sagte nur: „Komisch wäre, wenn sie dich einstimmig wählen, obwohl sie dich kennen.“

Ihren Mann kannten Sie aus der Schule ...

Ich hatte eine riesige Auswahl, weil ich das einzige Mädchen unter 800 Jungs am Gymnasium war. Mein Mann sagte: „Ich hatte überhaupt keine Auswahl.“

Sie machten damals das beste Abitur des Jahrgangs. Wollten Sie den männlichen Mitschülern etwas beweisen?

Dass man ohne Fleiß und Ehrgeiz der Intelligenteste sein kann, hat damals mein späterer Mann bewiesen: Er machte das zweitbeste Abitur. Ich war einfach nur fleißig.

Was hat Sie damals so an Ihrem Mitschüler Edmund Ranke fasziniert?

Er hatte so eine wunderbare Stimme, wie ich sie nie wieder gehört habe. Frauen lieben mit den Ohren. „Person“ kommt von „per-sonare“, durchtönen. Ich kann mir von einem Menschen am Telefon ein wunderbares Bild machen.

Ihr Mann starb vor zehn Jahren – an jenem 11. September, als die Flugzeuge in das World Trade Center krachten.

Es war eine absurde Situation. Ganz furchtbar. Über den Tod meines Mannes komme ich einfach nicht hinweg.

Es heißt doch: Die Zeit heilt alle Wunden – zumindest ein wenig …

Bei mir überhaupt nicht. Gestern habe ich fast den ganzen Tag geweint. Nein, es ist so furchtbar allein. Immer willst du etwas fragen, erzählen.

Sie kennen so viele philosophische und theologische Schriften – haben Sie da nirgends Trost gefunden?

Nein. Die Verzweiflung ist zu groß. Jemand sagte mir mal: „Sie müssen auch dankbar sein.“ Zuerst dachte ich: „Das ist ja das Allerletzte!“ Inzwischen denke ich da anders. Ich muss tatsächlich dankbar sein für die Zeit, die ich ihn hatte. 56 Jahre. Aber ich gehe noch immer ungern irgendwo hin – wegen des Zurückkommens in ein leeres Haus.

Das grüne Kostüm ist Ihr Markenzeichen. Wie viele Exemplare haben Sie davon?

Eins. Ich musste mir nie überlegen, was ich anziehen soll. Seit mein Sohn Andreas sich so nachdrücklich beschwerte, der Rock würde zu sehr ausbeulen, ziehe ich die Jacke heute alleine, mit einer Hose an. Eigentlich schade, wo doch die Beine das Beste an mir sind. Frauen altern von oben nach unten …

Und wenn Sie einfach ein neues grünes Kostüm kaufen würden?

Ich habe überall gefragt, aber so ein anilindurchfärbtes, unfassbar robustes Kostüm gibt es nicht mehr. Ich habe es seit 1987, musste es nur alle vier Jahre mit Nivea-Milch abreiben – fertig. Das war wirklich ein tolles Teil!

Von wem haben Sie Ihren Humor? Von der Mutter?

Bestimmt nicht. Sie hat jeden Witz versaut. Meine Mutter war intelligent und warm, konnte aber keine Witze erzählen, weil ihr die nötige Frechheit für die Pointe fehlte. Mein Vater war viel kühler, dafür habe ich von ihm die Frechheit.

Zur Person


Uta Ranke-Heinemann wurde am 2. Oktober 1927 in Essen als älteste Tochter des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann geboren.

Religiös: Sie war die erste Frau der Welt, die eine Professur für katholische Theologie erhielt (1970), und die erste Frau der Welt, die diese Professur wieder verlor (1987). Daraufhin übernahm sie einen Lehrstuhl für Religionsgeschichte. Ihr Buch „Eunuchen für das Himmelreich“ wurde weltweit ein Bestseller.

Privat: Mit dem Religionslehrer Edmund Ranke, der im Jahr 2001 starb, hat sie die Söhne Johannes (*1958) und Andreas (*1960).



Thomas Röbke / Senioren Ratgeber; 07.02.2012, aktualisiert am 13.02.2012
Bildnachweis: dpa Picture-Alliance, DDP Images/Volker Hartmann, dpa Picture-Alliance/Michael Jung

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Im Alter Führerschein abgeben?

Auf www.apotheken-umschau.de

Medikamentencheck

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneien überprüfen »

Sudoku

Lieben Sie es, mit Zahlen zu knobeln? Dann können Sie sich auf unserer Sudoku-Seite so richtig austoben »

Memo-Spiele

Unsere Kartenaufdeck-Spiele, das ähnlich wie das klassische Memory® funktioniert »

© Wort & Bild Verlag GmbH & Co KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages

Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Arzt- Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Diabetes Ratgeber mit Informationen zu Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung