Was blieb mir übrig? Die ersten zehn Jahre nach meiner Emeritierung an der Universität Essen habe ich überhaupt nur die Übersetzungen meiner Bücher korrigiert. Dafür musste ich doch die Sprachen beherrschen. Meine zwölfte Sprache war übrigens Polnisch. Drei Jahre habe ich dafür gebraucht.
Ganz klassisch mit einem Basissprachkurs mit Buch und CD. Dann habe ich immer und überall fremdsprachige Sender laufen. Ich lese auch nur Ausländisches, abgesehen von der Tageszeitung. Und ich habe Freunde und Bekannte aus vielen Ländern, mit denen ich mich in ihrer Landessprache unterhalte.
Ach, das kann ich nicht mehr hören.
Nein, aber es klingt, als ob ich immer nur Streit suche. Dabei bin ich ein friedliches, harmoniebedürftiges Wesen. Ich kann nur keine Märchen ertragen, mich nicht damit abfinden, dass Jesus über das Wasser gelaufen sein und mit ein paar Fischen 3000 Leute gesättigt haben soll. Gott, der Urheber des Universums, hat allen Menschen Verstand gegeben. Den darf man nicht vergewaltigen. Ich suche nicht den Streit, sondern die Wahrheit.
... aber wir können ihn an seinen Werken erkennen. Mein Enkel ist mein Gottesbeweis Nummer eins. Ein Kind ist von Anfang an so vollkommen, es ist alles dran, was zu einem Menschen gehört: die kleinen Zehen, die winzigen Fingernägel … Und wenn ich mir die Gottesbeweise in meinem Wintergarten beschaue, da ist eine solche Vollkommenheit in jedem Blättchen. Ich habe mal Geranien von Nachbarinnen bekommen – die sind schon 30 Jahre tot, die Geranien leben immer noch! Keine Ahnung wovon, ich bin eine lausige Gärtnerin. Die kommen einfach immer wieder. Es gibt Gottesbeweise überall.
O doch, und wie! Jede Sekunde wird die Welt in Gang gehalten. Eine Erklärung für das Leid kann ich Ihnen auch nicht bieten. Vielleicht einen Ansatz. Der Philosoph Immanuel Kant schrieb: „Wenn wir die Majestät Gottes ständig vor Augen hätten, ... würden wir zu Marionetten erstarren. Unser Handeln bekäme den Anstrich von Zwang und abgenötigter Unterwerfung ...“ Wenn wir ständig am Himmel Gott mit dem erhobenen Zeigefinger sähen – das wäre doch im wahrsten Sinne des Wortes furchtbar.
Es ist frustrierend – und wie!
Nein, nie.
Die PDS wollte mich nominieren, und ich dachte: Warum nicht? Zu meinem Mann sagte ich noch: „Ist das nicht komisch, dass sie mich einstimmig nominieren, obwohl sie mich doch gar nicht kennen?“ Er sagte nur: „Komisch wäre, wenn sie dich einstimmig wählen, obwohl sie dich kennen.“
Ich hatte eine riesige Auswahl, weil ich das einzige Mädchen unter 800 Jungs am Gymnasium war. Mein Mann sagte: „Ich hatte überhaupt keine Auswahl.“
Dass man ohne Fleiß und Ehrgeiz der Intelligenteste sein kann, hat damals mein späterer Mann bewiesen: Er machte das zweitbeste Abitur. Ich war einfach nur fleißig.
Er hatte so eine wunderbare Stimme, wie ich sie nie wieder gehört habe. Frauen lieben mit den Ohren. „Person“ kommt von „per-sonare“, durchtönen. Ich kann mir von einem Menschen am Telefon ein wunderbares Bild machen.
Es war eine absurde Situation. Ganz furchtbar. Über den Tod meines Mannes komme ich einfach nicht hinweg.
Bei mir überhaupt nicht. Gestern habe ich fast den ganzen Tag geweint. Nein, es ist so furchtbar allein. Immer willst du etwas fragen, erzählen.
Nein. Die Verzweiflung ist zu groß. Jemand sagte mir mal: „Sie müssen auch dankbar sein.“ Zuerst dachte ich: „Das ist ja das Allerletzte!“ Inzwischen denke ich da anders. Ich muss tatsächlich dankbar sein für die Zeit, die ich ihn hatte. 56 Jahre. Aber ich gehe noch immer ungern irgendwo hin – wegen des Zurückkommens in ein leeres Haus.
Eins. Ich musste mir nie überlegen, was ich anziehen soll. Seit mein Sohn Andreas sich so nachdrücklich beschwerte, der Rock würde zu sehr ausbeulen, ziehe ich die Jacke heute alleine, mit einer Hose an. Eigentlich schade, wo doch die Beine das Beste an mir sind. Frauen altern von oben nach unten …
Ich habe überall gefragt, aber so ein anilindurchfärbtes, unfassbar robustes Kostüm gibt es nicht mehr. Ich habe es seit 1987, musste es nur alle vier Jahre mit Nivea-Milch abreiben – fertig. Das war wirklich ein tolles Teil!
Bestimmt nicht. Sie hat jeden Witz versaut. Meine Mutter war intelligent und warm, konnte aber keine Witze erzählen, weil ihr die nötige Frechheit für die Pointe fehlte. Mein Vater war viel kühler, dafür habe ich von ihm die Frechheit.
Uta Ranke-Heinemann wurde am 2. Oktober 1927 in Essen als älteste Tochter des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann geboren.
Religiös: Sie war die erste Frau der Welt, die eine Professur für katholische Theologie erhielt (1970), und die erste Frau der Welt, die diese Professur wieder verlor (1987). Daraufhin übernahm sie einen Lehrstuhl für Religionsgeschichte. Ihr Buch „Eunuchen für das Himmelreich“ wurde weltweit ein Bestseller.
Privat: Mit dem Religionslehrer Edmund Ranke, der im Jahr 2001 starb, hat sie die Söhne Johannes (*1958) und Andreas (*1960).
Thomas Röbke / Senioren Ratgeber;
07.02.2012, aktualisiert am 13.02.2012
Bildnachweis: dpa Picture-Alliance, DDP Images/Volker Hartmann, dpa Picture-Alliance/Michael Jung
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